Akkord zerfällt – was noch zu sagen wäre..

Vor fünfzig Jahren wurde Paul Celans lebloser Körper am Ufer der Seine aufgefunden. Der Dichter sprang vermutlich am 20. April 1970 von der Pont Mirabeau zu Paris in den Tod. Die Geschichte dieses zerbrechlichen Mannes wiederzuhören erschütterte mich – umso mehr inmitten der Auswüchse einer über uns hereingebrochenen Pandemie. Aber war mir eben dadurch das geeignete Werkzeug in die Hände gefallen, der am eigenen Leib, in der Familie oder sonst wo auf der Welt erlittenen Zerbrechlichkeit Ausdruck zu verleihen. Die einzig mögliche Sprache dafür – Paul Celans unvergleichliche Art zu dichten – sie stand mir jetzt im Sinn!

Zumindest meiner eigenen, höchst subjektiven Empfindung nach wurden die sodann im Tagesrhythmus entstehenden Gedichte von noch etwas anderem herausgehoben aus einer dem Versuchen geschuldeten Mittelmäßigkeit; hauchte dieses andere ihnen das Leben ein, das andernorts vergehen sollte. Mehr und mehr überlieferte gerade die Unsagbarkeit des bevorstehenden Ereignisses den Wortfluss, ermöglichte es mir jeden Abend auf ein Neues in den traurigen Abend hineinzuschreiben.

Am 2. Juni schließlich saß ich, nicht anders, als an den Vortagen, in meinem olivgrünen Sitzsack, den Bleistift in der Hand, die Balkonfenster soweit es ging geöffnet. Ich blickte gen Westen, nach Innsbruck. Die Kinder schliefen. Sonst war da niemand mehr. Dieses letzte Gedicht sollte nicht mehr geschrieben werden. Am Schluss meiner Reihe »Akkord zerfällt« steht ein leeres Blatt. An seiner Stelle hielt ich in meinem Notizheft folgende Zeile fest: »Liebe Anne! Heute hast Du mich befreit aus dem so leiderfüllten Tönen meiner Verse.«

Kufstein, den 28. Juno 2020

 

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