An den Brunnenröhren

So Vieles, das es zu bewundern, zu beschreiben gäbe. Da sind zunächst die vier strammen Eichen. Nicht anzusehen ist es ihnen, dass sie in Todesangst schwelten. Dass die Dürre des Vorjahres ihnen das notwendige Treiben abverlangte. (Selbst ein Jahr später noch überall auf dem Boden verteilt die eiligst produzierten Eicheln.) Aber auffälliger noch als die Bäume ist das die Luft schneidende Gezeter der Amseln. Von hier, vom Giebel des Nachbarhauses, vom bewaldeten Gupf eine Meile weiter, hinter der Senke, sogar von weiter noch hergetragen an die Holztafel, meinen Schreibplatz. Das Haus ist jetzt mucksmäuschenstill. Die Kinder liegen in ihren Betten. Sie schlafen nicht! Sie lassen ihre Kindheit einen Schritt weiter hinter sich. In den Gesang der Vögel mischt sich die Stimme einer Frau aus dem nahe gelegenen Garten hinauf zum Landgrafenschloss. Zwischen den Myrten und Oleandern sucht Lena ein Obdach für die kommende Nacht. Das Gebell eines Hundes aus einer, welcher?, jener nicht mehr bestimmbaren Richtung. Und über die Dächer zieht lautlos der feine Dunst. Zu Marburg, den 21. Juni 2019

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